Als Paulo Coelho unsterblich wurde

Was haben Sgt. Pepper's Lonley Hearts Club Band, Nuss-Streusel-Eis und ein Zen-Rätsel mit Paulo Coelho zu tun? Bei der Aufnahme des brasilianischen Dichters, Schriftstellers und Ex-Hippies in den "Unsterblichen"-Zirkel der ehrwürdigen Akademie der Dichtung erlebte SPIEGEL-Reporter Matthias Matussek das kürzeste Interview seines Lebens.


Was für eine Woche der Aussöhnung zwischen den Schichten und Cliquen Brasiliens: Nur ein Tag, nachdem Luis Ignacio Lula da Silvas Triumph bei den Präsidentschaftswahlen das Land patriotisch aufglühen ließ, wurde der Dichter/Sinnsucher/Bestseller-Autor Paulo Coelho in die Ränge der "Unsterblichen" aufgenommen. Ein Malocher im Präsidenten-Palast. Und nun ein Ex-Hippie in Rios Akademie der Dichtung, der prestigereichsten Kulturinstitution Brasiliens, die vor 104 Jahren gegründet wurde. Eine Inthronisierung, die noch vor wenigen Jahren unmöglich gewesen wäre.

In einer würdevollen Zeremonie nahm Coelho den Stuhl 21 ein, der durch den Tod des Ökonomen Roberto Campos frei geworden war. Um einen Platz unter den 40 Erlauchten wird oft jahrelang intrigiert und offen gestritten - keiner hat den Charme und die Eitelkeit der Akademie-Rituale meisterhafter aufgespießt als Jorge Amado, selber Mitglied: "Um hierher zu gelangen, ist jedes Mittel recht". Als Amado im letzten Jahr starb, stand Coelho, der "Pele der brasilianischen Literatur" (Akademie-Mitglied Niskier), ganz oben. Doch als Amados Witwe, auch sie Autorin, Anspruch anmeldete, zog Coelho ritterlich zurück und ließ ihr den Vortritt.

Nach Campos' Tod führte nun kein Weg mehr an Coelho vorbei: Mit 22 zu 15 Stimmen war er aufgenommen worden. Der immer noch nachhallende Widerstand war der bekannte: Wer soviel Erfolg hat, ist seicht. Allerdings war, im Falle der Akademie, dieses Argument dadurch geschwächt, dass sie immerhin auch einen Schönheits-Chirurgen in ihren Reihen duldete. Lulas Sieg, Coelhos Sieg. Alle Zeichen standen auf Neuanfang. Ich war eher unverhofft auf der erlesenen Einladungsliste gelandet - mein Freund Harold, der für englische Skandalblätter schreibt und Oboe im Sinfonie-Orchester bläst, hatte mich draufsetzen lassen. Um es gleich vorweg zu sagen: Coelho hat mir an diesem Abend das kürzeste Interview meines Lebens gegeben, das natürlich gleichzeitig das tiefste war. Das Interview als Zen-Rätsel.

"Er ist ein cooler Typ"

Ich habe Coelhos "Alchimisten" auf einem Flug zwischen zwei Kontinenten gelesen, wo man sich ohnehin völlig orientierungslos fühlt. Nicht, dass dieses Buch mein Leben umgekrempelt hätte, doch ich kann mich an einen schönen Wüstenhimmel erinnern und an den heiteren Legendenton meiner Kinderzeit und eine angenehme Verdauung. Coelho hat 53 Millionen Bücher in 56 Sprachen und 156 Ländern verkauft, was bisher albernerweise stets gegen ihn verwendet wurde. Nun ist der Bann - endlich - gebrochen. Nun sitzt er tatsächlich zwischen den "Unsterblichen", mit den glänzenden Augen eines Kindes, das sich einen "lebenslangen Traum erfüllt" hat.

Hunderte von Smokings in der klassizistischen, gelb angestrahlten, altehrwürdigen Casa do Machado de Assis, und unter ihnen die grünen Uniformen der Unsterblichen. Diese trägt nun auch Coelho. Da hier aber jeder seine wilde Vergangenheit kennt - Drogen, Knast, Irrenanstalt - wirkt die Robe wie ein Hippie-Frack. Dazu sein grauer, gestutzter Bart, die grauen Schläfen und hinten ein kleiner grauer Haarschwanz. Er schlängelt sich über den bestrassten Kragen. Das ist auf der Großbild-Leinwand draußen im Garten deutlich zu sehen. Und dadurch bekommt der ganze Salon etwas Irrwitziges und die Unsterblichen sehen aus wie "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band".

"Er hat mal bei mir gepennt", sagt Harold, der Oboist, halblaut. "Er ist ein cooler Typ". Will sagen: Er gehört zu uns. Coelho redet drinnen im Prachtsaal von der Kanzel herab zu den Unsterblichen, die auf krummbeinigen Stühlen sitzen und in ihren schwerbehängten Fracks wirken wie eine Vollversammlung der Portiers des Hotel Sacher. Einige sind auf den Stock gestützt. Ein Ex-Präsident ist darunter, allerdings auch genannter Schönheits-Chirurg. Wurde schon erwähnt, dass ein Sitz in der Akademie nicht nur mit literarischer Größe zu tun hat?

Alle seufzen

Das umwerfend förmliche Protokoll jedenfalls versöhnt. Es stammt aus jenen Tagen, als noch mit dem Federkiel geschrieben wurde. Und so gedacht. Tatsächlich schafft es Paulo Coelho, der Star im Fernsehlicht, gleich im ersten Atemzug mit mildem Spott auf die menschlichen Eitelkeit zu sprechen zu kommen. In den folgenden fünf Atemzügen zitiert er den Apostel Paulus, Vinicius Moraes, Gertrud Stein und Akademie-Mitglied Josue Montello, in einem taktisch gut durchdachten Formationsflug, der ihn zum Thema aller seiner Bücher trägt: der Liebe!

Coelhos Stimme ist samten, und die Damen schmachten in der Tropenhitze. Susie, die ein Esoterik-Magazin herausgibt, murmelt hippiehaft: "Der bringt es." Am Ende, so führt Coelho gerade aus, laute die Frage nicht: "Wie habe ich gelebt", sondern; "Wie habe ich geliebt?" Suzie seufzt. Meine Frau seufzt. Alle seufzten, die in der Nähe stehen. In der anderen Ecke seufzen die Männer, weil es immer noch nichts zu trinken gibt, und Coelho spricht weiterhin von den Geheimnissen der Seele, und man darf noch nicht einmal heimlich telefonieren, um rauszukriegen, ob Flumninense gewonnen hat.

Da fällt mein Blick auf einen "Bob's"-Fastfood-Laden jenseits der Gitter auf der anderen Straßenseite. Coelho ermuntert mich regelrecht. Er inspiriert. Er spricht über den "Guten Kampf", den wir im "Namen unserer Träume" führen sollen. Lange Rede, kurzer Sinn: Zwanzig Minuten später sitze ich mit einer Wasserflasche und einer Sundae-Eis-Pyramide (Nuss-Streusel!) wieder im Garten der Akademie, wohin jene geflüchtet sind, die drinnen bei Coelho und seiner Lüster-Predigt sonst verglüht wären. Meine Frau schaut mich verliebt an, als ich die Wasserflasche aufschraube. Überhaupt guckt hier draußen keiner mehr auf die Leinwand, sondern alle auf meine Wasserflasche und kurz spüre ich, wie es ist, wenn man im Rampenlicht steht.

Ich bin ein Krieger des Lichts!

Und dann wird applaudiert. Coelho verneigt sich. Ein älteres Akademie-Mitglied überreicht Coelho nun ein Schwert - die Akademie versteht sich als eine Art Ritter-Orden der portugiesischen Sprache. Coelho hat um genau dieses Kampfgerät gebeten, denn das hatte er auf seiner Wallfahrt in Spanien dabei, ein Samurai-Modell mit Troddel. Die Pilgerreise übrigens verarbeitete er zum dem Buch "Der Jakobsweg", das sich rund 300 Trillionen mal verkaufte. Nachdem Coelho sein Schwert lächelnd entgegen genommen hat, tritt der nächste Unsterbliche auf ihn zu. Ex-Staatspräsident Sarney hängt ihm die Kette um und stutzt nur kurz, als er den grauen Haarkringel aus dem Nacken fallen sieht.

Die Gäste, die regelrecht ausgelassen auf das Ende des Zeremoniells warten, erstarren plötzlich, denn nun besteigt ein weiterer Unsterblicher die Kanzel, und holt aus zu seiner Laudatio, einem langen, langen Zug durch die Wüste.

Und ich? Bin bereit, zu schenken. Ich gebe mein Sundae her. Und meine Wasserflasche. Paulo Coelho hat mein Herz geöffnet, bis zur Fahrlässigkeit. Ich bin ein Krieger des Lichts, und so sehr in Coelhos Bann, dass ich, nachdem die Reden gehalten und die Gläser gefüllt sind, ganz automatisch im Strom jener Gäste treibe, die sich vor dem Zugang zum französischen Salon formieren wie eine breit gefächerte Pfauenschleppe.

Was kommt da auf uns zu? 

Drinnen, unter der Bronzebüste eines unsterblichen Längstgestorbenen - ist es Joaquim Nabuco? - empfängt Coelho Gratulanten, in nur sparsamen Tröpfeln. Wie er dort steht mit seinem Bart und dem feinen Lächeln, sieht er erstens unsterblich aus, und zweitens wie ein freundlicher Heilpraktiker. Coelho spendet Trost in diesen für die besseren Kreise doch eher bescheidenen Zeiten. Lula, der von ganz unten kam, wurde auch von Rios Salongesellschaft gewählt - er erhielt hier alberne, völlig übertriebene, Carioca-theatralische achtzig Prozent der Stimmen. Und das, nachdem zuvor die Parteifreundin Lulas, Benedita, als Gouverneurin zu achtzig Prozent abgelehnt worden war. 

Doch die Lula-Euphorie ist schon wieder verklungen und macht der Zukunfts-Bangigkeit Platz: Schließlich war er ein Wie-Ex-auch-immer-Sozialist. Was kommt da auf uns zu? Suzie, die Wahrsagerin, hat Tumulte in den Karten gelesen. Da ist ein Small-Talk mit dem Herzens-Philosophen eindeutig Therapie! Die gepuderten Schultern stemmen, doch die Menge will einfach nicht vorwärts kommen. Durch die geöffnete Tür ist leicht zu erkennen, dass Coelho zu freundlich ist. Er nickt zu jeder Plattitüde und verausgabt sich, bevor es ernst wird in den tieferen Gesprächen, die er mit Leuten wie mir führen könnte.

Vor mir steht Theaterregisseur Gerald Thomas, der in Rio und New York und Hamburg wohnt. Gerade gestern hat er als Schauspiel-Chef der Kampnagel-Fabrik in der Hansestadt unterschrieben, Coelho ist ein alter Freund von ihm. Er wird ein Stück für ihn schreiben. Ob er seine Bücher mag? "Ich mag den Menschen und alles, was er verkörpert". Coelhos Bücher sind offenbar nicht jedermanns Sache. Beziehungsweise, sie sind so eindeutig jedermanns Sache, dass sich Thomas, der deutsch-jüdische Avantgarde-Regisseur, lieber über anderes unterhält. Da er gleichzeitig Kolumnist des "Journal do Brasil" ist und einen Ruf als Skandalnudel zu verteidigen hat, beginnt er, den Bush-Hitler-Vergleich der ehemaligen deutschen Justizministerin zu rühmen. Aber da auch dieser Knochen schon ziemlich abgenagt ist und ihm hier kaum einer widersprechen würde, unterhalten wir uns über einen gemeinsamen Freund.

Risiko und Hoffnung

Draußen lungern die Abschlepper des Magazins "Caras", einer Art brasilianischer "Bunte". Sie sind missmutig, weil in dem Akademie-Auftrieb kaum Gesichter sind, die dem Novela-Publikum geläufig wären. Wer kennt schon den Bürgermeister von Rio? Oder Professoren? Gerald Thomas, der Avantgarde-Regisseur, ist bereits fotografiert, ihn kennt hier jeder. Ich lasse mir vom Unsterblichen Carlos Nejar erklären, warum die Akademie sich glücklich schätzen darf, Coelho in ihren Reihen zu wissen. "Ein wenig von seinem internationalen Glanz wird auch auf uns abfallen". Nejar klingt wie ein glühender Fan - oder ein besonders sarkastischer Feind. Es ist ein Abend voller Ambivalenzen. Was Lulas Sieg für Brasilien bedeute? "Wir haben der Welt ein ausdrucksvolles Beispiel von Demokratie gegeben", sagt Nejar. "Ein einfacher Arbeiter als Präsident!" So, wie er es sagt, klingt es tatsächlich unglaublich.

Es geht auf Mitternacht zu. Harold und Susie ziehen uns ruckartig mit, und dann wird abgesperrt. Wir sind die letzten, die vorgelassen werden, die anderen werden fortgeschickt. Der Magier ist erschöpft in seiner schweren grünen Sgt.-Pepper-Uniform. Er lächelt. Er lächelt so breit, und so selig darüber, dass wir die letzten sind, dass ich Frau und Freunde für ein Foto um ihn herumgruppiere. Und dann versagt die Kamera. Und Coelho ist plötzlich sehr müde, und mit meiner ganzen Berufserfahrung spüre ich, dass er uns loswerden will. Dabei gibt soviel zu bereden. Über die Liebe und das Licht in uns, und die Fähigkeit, ein Eis herzugeben, das man selber gern gegessen hätte.

Um ihn aufzuhalten, schieße ich eine Reporter-Frage ab, die erste, die mir in den Sinn kommt. "Was sagen Sie zu Lulas Wahlsieg? Was bedeutet er für Brasilien?" Es ist eine so genannte offene Frage, das ist wichtig. Eine geschlossene Frage ("Hast Du gut geschlafen?") kann man mit "ja" oder "nein" beantworten, eine offene nicht. Was Lula bedeutet? Coelho ist nicht umsonst in die Akademie aufgenommen worden. Er hat schon Tausende von Interviews gegeben, darunter so ziemlich allen meinen Freunden.

Was Lula bedeutet? "Risk", sagt Coelho. "And hope". Und noch ehe ich mich von dem Schock erholte habe - tatsächlich ist ihm eine nur dreisilbige Antwort auf eine offene Frage gelungen, das ist eine Art Zen-Rätsel, auf jeden Fall Weltrekord - verabschiedet er sich, und kurz darauf stehen wir wieder draußen unter den Lüstern. Risiko und Hoffnung! Fundamental. Glückwunsch zur Unsterblichkeit, Paulo Coelho. Erst später wird mir bewusst, wie gut diese Antwort wirklich ist. Sie passt auf jede Menge offener Fragen.



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